Frank Potthast
 

PSNV für UAV-Einheiten?

Bei Bränden oder Unfällen kommen Einsatzkräfte der BOS den Betroffenen zur Hilfe. Wen oder was sie dort vorfinden, wissen sie nicht. Belastende Einsätze gehen auch an Einsatzkräften der BOS nicht spurlos vorbei und für diesen Fall steht diesen die Psychosoziale Notfallversorgung (PSNV) zur Seite. Während ich diesen Text schreibe, vernehme ich bereits die kritischen Stimmen, die darauf hinweisen, dass ich dieses Mal „über das Ziel hinausschieße“. Aber wie so oft kommt es erstens anders und zweitens als Einige denken oder vermuten.

Denn, wie einige kritische Stimmen vermuten oder zu wissen scheinen, geht es mitnichten um eine eigene PSNV für am unbemannten Flugbetrieb Beteiligte oder um die Infragestellung der Einsatzleiter bzgl. der Nachforderung der PSNV-Teams. Es geht vielmehr um die Erweiterung der bestehenden PSNV um den Bereich des unbemannten Flugbetriebs. Denn entgegen einiger Vermutungen geht es beim Einsatz unbemannter Luftfahrtgeräte und bei der Auswertung der Bilder um mehr. Ja, es fehlt bei den Bildern Vielen, dass was aus ihrer Sicht einen psychisch belastenden Einsatz ausmacht, der Geruch, der Geschmack, das Gehörte und letztlich das Gespürte, respektive das Erlebnis direkt am Einsatzort. Hier gebe ich allen kritischen Stimmen durchaus Recht, dass die haptischen Eindrücke fehlen.

Aber wie ist es damit, wenn man als Beispiel in der Einsatzleitung auf Grund der umfassenderen Ansicht mit ansehen muss, wie persönlich bekannte Einsatzkräfte (Freunde, Kameraden (m(w/d)) auf Grund einer vom Einsatzleiter vor Ort durchaus verständlichen und auf Grund dortiger Erkenntnisse und Erkundungen getroffenen Entscheidung vorangehen und sich plötzlich in einer viel größeren Gefahr befinden. Was, wenn dieses nur auf dem Bildschirm zu erkennen ist und man tatenlos mit ansehen muss wie die Situation ihren Lauf nimmt. Bilder und Gefühle die ich keinem Menschen gönne. Ungefähr so oder ähnlich muss es aber auch den Einsatzkräften bei der zeitkritischen Flächensuche ergangen sein, als sie nach dem Erbeben der Stärke 6,2, dass das Gebiet südwestlich der Stadt Petrinja am 12. Dezember 2020 erschütterte, vorgingen. Denn hier ging es nicht um schön bunte und großflächige Bilder, sondern um die zeitkritische, schnelle und damit stressige Flächensuche nach Überlebenden und Gefahren. Eine psychische aber auch physische Belastung, die man den Einsatzkräften ansah. 

Doch was hat das mit unseren i.d.R. kurzzeitigen Einsätzen zu tun? Die am unbemannten Flugbetrieb Beteiligten sind doch fern ab vom belastenden Geschehen. Wirklich? Auch wenn kritische Stimmen sich eine psychische Belastung und die daraus resultierenden Auswirkungen bei UAV-Einheiten nicht oder nur ungern vorstellen wollen, so ganz negieren lässt sich dieses Themenfeld nicht. Ja, ich gebe Recht, dass es kein eigenes Themengebiet ist und auch keiner eigenen PSNV bedarf. Was übrigens auch zu keiner Zeit angedacht war. Aber als weiteres Mosaiksteinchen oder weiteres Puzzleteil im Gesamtbild der PSNV stellt der unbemannte Flugbetrieb der BOS einen Bereich dar, der aus meiner Sicht durchaus mit betrachtet gehört, bzw. werden muss, was die Umfrageergebnisse deutlich darstellen. 

So gaben von 117 Einsatzkräfte (Stand 06/2021), die an der Umfrage teilnahmen, 12% an, nichts über die Arbeit oder die Psychosoziale Notfallversorgung an sich zu wissen. Von den verbliebenen 88% der Teilnehmenden, die die PSNV kennen, stimmten auf die Frage, ob PSNV auch für UAV-Einheiten sinnvoll wäre, 84% zu, während 16% diese ablehnten. Auf die Frage warum mit „Nein“ geantwortet wurde, gab es unterschiedliche Antworten aus den Reihen der Teilnehmenden. Nachfolgend ein paar Beispiele:

  • „meiner bescheidenen Meinung nach sind die UAV-Einsatzkräfte zu weit von bedenklichen Szenarien entfernt“
  • „kein Patientenkontakt, abgeschirmt vom Unfall, Ereignis, etc. Eindrücke nur auf Bildschirm ohne Geräusche, Gerüche, etc.“
  • „macht alles kompliziert und man hat über die Drohne eh immer eine Distanz zum „schlimmen“ Geschehen“
  • „UAV Einheiten sollten meines Erachtens nicht so dicht an EST fliegen das es nötig ist PSNV zu brauchen“
  • „Ich glaube nicht, dass UAV Einheiten anders behandelt werden müssen als alle anderen. Deswegen braucht es keine spezielle PSNV für diese Einheit“
  • „Weil Sie nicht am Geschehen direkt Teil haben, alles über Monitor sehen. Ergo nichts anderes als im Fernseher läuft.“
  • „Kein direkter Kontakt zwischen dem Standort und dem Drohnen Operator / - Piloten“

 

Eine Betrachtungsweise, die aus meiner Sicht bedenklich erscheint, wie auch Studien der Bundeswehr zeigen. Zu einer aktuell laufenden Studie werde ich hier mehr veröffentlichen, sobald mir die Ergebnisse und Genehmigungen voraussichtlich in der zweiten Jahreshälfte vorliegen.

 

Doch ich möchte die Kommentare nicht unkommentiert lassen und meine persönliche Sicht der Dinge dazu mitteilen:

  • „meiner bescheidenen Meinung nach sind die UAV-Einsatzkräfte zu weit von bedenklichen Szenarien entfernt“ 
  • Das ist nicht ganz richtig, denn das Einsatzunterstützungsmittel „UAV“ ist oft mittendrin, manchmal sogar viel dichter als die Einsatzkräfte/-führungskräfte es vermuten.
  • „kein Patientenkontakt, abgeschirmt vom Unfall, Ereignis, etc. Eindrücke nur auf Bildschirm ohne Geräusche, Gerüche, etc.“ 
  • Im Gegensatz zu einem Horrorfilm oder einer Berichterstattung kann ich nicht den Blick abwenden, wenn die Szenen mein persönliches Limit erreichen.
  • „macht alles kompliziert und man hat über die Drohne eh immer eine Distanz zum 'schlimmen' Geschehen“
  • Wieso komplizierter? Nur weil PSNV ganzheitlich betrachtet werden sollte? Dann braucht auch die Einsatzleitung und die Familie der Betroffenen keine PSNV, da diese doch auch weit weg sind?
  • „UAV Einheiten sollten meines Erachtens nicht so dicht an EST fliegen das es nötig ist PSNV zu brauchen“
  • Dann hat der Einsatz von UAV keine Berechtigung mehr, denn wenn ich so weit entfernt bleibe, dass mich die Eindrücke auf den Bildern nicht mehr berühren können, dann habe ich auch keinen Einsatzerfolg.
  • „Ich glaube nicht, dass UAV Einheiten anders behandelt werden müssen als alle anderen. Deswegen braucht es keine spezielle PSNV für diese Einheit“
  • Doch, da eine Einsatzkraft, die psychisch an ihre Grenzen stößt sich ablösen lassen kann oder bei bestimmten Einsätzen nicht eingeteilt wird. Ein Luftbildauswerter (m/w/d) kommt teilweise unvorbereitet in den Einsatz ohne zu wissen, was ihn/sie erwartet. Außerdem fehlen die spezifischen belastenden Ereignisse in den aktuellen PSNV-Modulen.
  • „Weil Sie nicht am Geschehen direkt Teil haben, alles über Monitor sehen. Ergo nichts anderes als im Fernseher läuft.
  • Hier die gleiche Antwort wie bei der ersten Äußerung.
  • „Kein direkter Kontakt zwischen dem Standort und dem Drohnen Operator / - Piloten“
  • Wieso muss ein direkter physischer Kontakt zwischen Einsatzort und Einsatzkraft bestehen? Es gibt auch belastende Ereignisse, die keinen direkten Kontakt mit der Einsatzstelle bedingen (siehe Auswertung).

 

Was aber jetzt schon klar ist, ist dass sich das Ergebnis meiner Umfrage und die Ergebnisse von Studien der Bundeswehr und anderer internationaler Studien nicht weit in den Kernaussagen voneinander unterscheiden. So habe ich in meiner Umfrage primäre, sekundäre und tertiäre Problemstellungen gemischt, um erkennen zu können, ob die eigentlichen belastenden Auswirkungen sich deutlich positionieren. Denn im Bereich der Human Factors habe ich bereits darüber berichtet, dass bestimmte Faktoren auf Psyche und Physis des Menschen Auswirkungen haben. Auch wenn UAV-Einheiten nicht direkt am Einsatzort platziert sind und keinen direkten „Kontakt“ mit der Einsatzstelle haben, ihnen also die physischen Eindrücke fehlen, so sind die belastenden Ereignisse teilweise deutlicher in ihren Auswirkungen als bei einer Einsatzkraft vor Ort.

Warum ich so eine Aussage treffen kann?

Bei einer Erprobung in Bargteheide im Oktober 2012 wurde der Unfall auf der A19 in der Nähe von Rostock vom April 2011 nachgestellt. „Bei der Tragödie auf der A19 starben acht Menschen, 100 wurden zum Teil schwer verletzt, 79 Autos, vier Lastwagen und ein Reisebus wurden zerstört oder gingen in Flammen auf.“ (Quelle: https://www.shz.de/287513Dieses Szenario war aus der normalen Sicht (ca. 1,6m) nur selektiert wahrzunehmen, da immer nur eine kurze Distanz und nicht der gesamte Unfallumfang in der Betrachtung stand. Als Drohnenpilot hatte ich bei der Nachstellung alles im Blick, das gesamte Ausmaß der "Zerstörung", die „Verletzen“, die Suchenden und die Bemühungen der Einsatzkräfte. Gleichzeitig soll man aber in einer solchen Situation als Luftbildauswerter „Abschalten“, um der Einsatzleitung neutrale, qualifizierte und genaue Angaben zur Einsatzlage machen zu können. Also nichts anderes als die Eindrücke nicht auf sich wirken zu lassen und die Emotionen „runter zu schlucken“. Als Fernpilot ist solch ein Einsatz auch psychisch anstrengend, wenn es anfängt in der Luft zu brummen und Polizeihubschrauber und RTH´s kommen und gehen, die Einsatzleitung in kurzen Abständen Anfragen schickt für „Lagebilder“ und dann vielleicht noch widrige Witterungsverhältnisse aufkommen oder bereits herrschen. Aber UAV-Einheiten sind ja weit weg vom Geschehen, was bereits hier klar in Frage zu stellen ist.

Laut der DAK Gesundheit leiden bereits CoVID-19 bedingt 8% der Gesamtbevölkerung an Anpassungsstörungen z.B. Depressionen. Eine psychische Reaktion auf belastende Lebensereignisse. Was passiert aber nun, wenn nun auch noch belastende Ereignisse aus den Einsätzen hinzukommen? Laut meiner Umfrage definieren die Befragten die psychisch belastenden Situationen im UAV-Einsatz wie folgt:

Wenn man sich dieses Ergebnis genau betrachtet, dann bilden die ersten vier Punkte eine kausale Reihe für den Fernpiloten, denn eine fehlende Ausbildung oder Routine bedingt den bereits beschriebenen Stress im Einsatz. Dieser resultiert dann hauptsächlich aus der Angst vor den beiden ersten Punkten, aber auch durch Zeitdruck und fehlende Informationen der Einsatzleitung, was die psychische Belastung für den Fernpiloten verstärkt. Die Luftbildauswerter haben oft Angst nicht die notwendigen Informationen zu melden und müssen zusätzlich die Belastung durch die unabwendbare Betrachtung der Bilder auf sich nehmen. Als Luftraumbeobachter sind die beiden ersten Punkte definitiv die primären belastenden Situationen, welche unweigerlich zu Stress führen.

Aus diesem Grund wurde dazu ein Merkblatt entwickelt, welches Einsatzführungskräfte, UAV-Einheiten, aber auch Kräfte der PSNV dabei unterstützen soll, diese für sie oftmals neue Welt des unbemannten Flugbetriebs mit seinen physischen aber auch psychischen Herausforderungen und Belastungen besser zu verstehen. Denn ein falsches Verständnis für die neue Technologie und ihre andersartigen Belastungen im Einsatz kann für betroffene Einsatzkräfte eine falsche Herangehensweise bedeuten und somit unter Umständen keine Lösung für ihr Problem darstellen.


 

 
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