Frank Potthast
 

Drone-Evolution

Als Darwinismus bezeichnet man eigentlich das Theoriensystem zur Erklärung der Artentransformation (Evolution) von Charles Darwin (1809-1882), wobei Darwin insbesondere die natürliche Auslese, d.h. das Selektionsprinzip, in den Vordergrund stellt. Daneben wird der Begriff auch in der Bedeutung des universellen Darwinismus verwendet, einer Generaltheorie der Evolutionsmechanismen, die besagt, dass in beliebigem Rahmen, also auch in der technologischen Anwendung, bei Vorhandensein von Variabilität, was allgemein das Veränderlich sein bezeichnet, und einem Selektionsdruck, was die Einwirkung (den „Druck“) eines Spezialisierungsfaktors auf eine Technologie bezeichnet, eine Evolution stattfinden kann. Diese Variabilität und den Selektionsdruck gibt es im Moment besonders in der technischen Entwicklung von Drohnen. Jegliche Entwicklungstrends, die gemeinhin auch als Fortschritt bezeichnet werden, haben Auswirkungen auf den soziokulturellen- und ökonomischen Wandel. In der anfänglichen Zeit war die Geschwindigkeit des technischen Fortschritts relativ langsam, auch wenn es in größeren Zeitabständen ebenfalls zu größeren Umwälzungen kam. Zu großen gesellschaftlichen Umbrüchen führten in der jüngeren Geschichte die industrielle Revolution, die in der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts begann und sich verstärkt im 19. Jahrhundert vorsetzte, sowie seit Mitte der 1970er Jahre die Digitale Revolution. Betrachtet man nun die Entwicklung des Drohnen-Marktes mit der aktuellen Innovationsgeschwindigkeit, so kann man dort sicherlich bereits von einer deutlich sichtbaren technologischen Evolution sprechen, ähnlich der Entwicklung der Automobilindustrie, welche seit 1885 einige Quantensprünge in der Fertigung und Technologie gemacht hat. Aber auch in diesem Bereich gab oder gibt es einen Selektionsdruck, der sich auf das Bestehen oder den Untergang von Herstellern auswirkt. Von den fast 2.500 Automobilherstellern produzierten 2002 nur noch 111 Unternehmen.

Aber auch bei der notwendigen Anpassung von Drohnen bei den Behörden und Organisation kann man von einem Technodarwinismus sprechen. Den die notwendige Variabilität und der Selektionsdruck tritt bei den Drohnensystemen immer deutlicher zu Tage. Aber wie bei der Darwin´schen Theorie, gibt es auch im Bereich der technischen Evolution der Drohnen für die Behörden und Organisationen Gegner und Traditionalisten. Ethnologische Untersuchungen des „Ökosystem-Mensch“ haben ergeben, dass vielfach komplexe soziokulturelle Mechanismen existieren, um die „technische Tradition“ zu erhalten und (technischen) Fortschritt zu vermeiden. Der Soziologe Johannes Weyer schrieb, dass technische Neuerungen „als eine Art Sachzwang, der uns beherrscht und uns diktiert, wie wir sie zu nutzen haben“ wahrgenommen werden. Er macht jedoch auch darauf aufmerksam, dass die Richtung dieser Entwicklungen keinem „Naturgesetz“ folgt. Der Widerstand gegen diese technische Entwicklung der Drohnen bei Feuerwehr, Rettungsdienst, Katastrophenschutz, Polizei und ähnlichen Einheiten beruht teilweise auf politischen Entscheidungen z.B. auf der Vermeidung von Konnexität aus „Angst“ vor Regressansprüchen. Aber auch auf den Aussagen von oftmals selbsternannten Fachleuten, die sich mit einer technologischen Entwicklungsstufe „angefreundet“ haben und befürchten, dass sich, durch ein Selektionsverhalten, auf Grund der technische Vorgaben, eine Marktbereinigung und damit Veränderung oder -teuerung der zur Verfügung stehenden Drohnentechnologie einstellt. Was aber wiederum zu positiven Veränderungen in der Herstellung und Funktionalität, sowie einer Standardisierung der Drohnen führen könnte. Aber genau dieses Verfahren wurde bereits mehrfach im Laufe der Geschichte in mehreren Bereichen der BOS erfolgreich durchgeführt. Schaut man sich die Vorschriften und Normen für Ausrüstungsgegenstände, Fahrzeuge und bereichs-, arbeitsverfahrens- oder arbeitsplatzbezogen Regularien an (z.B. DGUV 105-049 „Feuerwehren“, DIN 14507-2 „Einsatzleitfahrzeuge“, GUV-R 2101 „Tauchen mit Leichttauchgeräten in Hilfeleistungsunternehmen“), so stellt sich die Frage, warum sich der technische Bereich der Drohnen nicht auch einer solchen Normungen und Regulierungen „unterwerfen“ sollte.

Geschichtlich geht die Feuerwehr nämlich einen gänzlich anderen Weg. Am 17. Juli 1841 erfolgte die Gründung der Freiwilligen Feuerwehr Meißen. Die Ausrüstungen dieser ersten Wehren wurden meist selbst bezahlt und bestanden aus nicht viel mehr als einer Uniform, einer Mütze und ein paar Stiefeln. Erst ab diesem Zeitpunkt, 30 Jahre nach der Gründung der ersten Feuerwehr in Saarlouis (Saarland), setzten sich auch der Einsatz von technischem Gerät (wie Feuerspritzen) und geübte Methoden zur Brandbekämpfung und Logistik durch. Wie man der Ausgabe 3/2017 der „Feuerwehrchronik“ entnehmen kann, gab es seit dem einen stetigen feuerwehrtechnischen Innovations- und Regulierungsdrang für Ausbildung, Strategien, Verfahren und Technik. Angefangen bei Carl Metz, der bereits 1846 damit begann Bedienungs- und Übungsanleitungen auszugeben, damit seine Handdruckspritzen taktisch besser eingesetzt wurden. Am 22. Mai 1950 wurde in Stuttgart-Bad Cannstatt die Vereinigung zur Förderung des Deutschen Brandschutzes (vfdb) gegründet. Dieser Gründung folgte am 08.06.1952 die Arbeitsgemeinschaft (AGBF) (west-)deutscher Berufsfeuerwehren in Mannheim. Alles mit dem Ziel die Arbeit der Feuerwehren sicherer und effektiver zu gestalten. Darum ist es unerlässlich, um ein Höchstmaß an Sicherheit im Einsatz von Drohnen herzustellen, dass es, wie es eigentlich für alle Einsatzmaterialien, -fahrzeuge und Ausrüstungsgegenstände bereits Normalität ist, entsprechende Richtlinien und Vorgaben geben sollte.

Als Beispiel, wird sich dann, wie bei den Einsatzfahrzeugen, eine zwangsläufige Spezialisierung bei den Herstellern einstellen, um den Bedarf der BOS weiterhin decken zu können. Die Variabilität der Systemanforderungen stellt neue Herausforderungen für innovative und technische Entwicklungen dar, die sich auch positiv auf die gesamtwirtschaftliche Anwendung auswirken können, wie die Entwicklung der Computertechnologie durch das Militär für unsere heutige Zeit. So würde sich dann auch die Problemstellung der vielen verschiedenen, bisher erforderlichen, Betriebshandbücher relativieren, wenn alle Einsatzdrohnen einem Standard entsprechen und sich nur im Design unterscheiden würden. Doch was verhindert im Moment die Drone-Evolution bei den Behörden und Organisationen mit Sicherheitsaufgaben? Ist es unterschwellig Angst vor Neuerungen oder dem Verlust von sozialem Ansehen oder politischem Einfluss, oder ist die Geschwindigkeit der Entwicklungsschritte nicht geheuer? Die einzelnen Beweggründe sind schwierig zu definieren, aber diese haben eindeutig negative Auswirkungen auf den technischen Fortschritt. Auch die Aussagen, dass auf Grund der beschränkten finanziellen Mittel eine anders gelagerte Beschaffung von Drohnen nicht darzustellen sei, stellt für mich eine „Ausrede“ dar. Bei der Beschaffung eines Einsatzfahrzeuges wird auch nicht die gewerbliche Variante beschafft, sondern die laut DIN-Norm vorgeschriebene Version, welche deutlich teurer ist. Warum unterwirft man sich dort diesem „Zwang“ und relativiert im Bereich der Drohnen die technischen und sicherheitsrelevanten Anforderungen, um Consumerdrohnen in den Einsatz bringen zu dürfen?

Wie bereits Eingang zitiert: „Stillstand ist Rückschritt“, auch dieses droht uns im Bereich der Drohnen bei den Behörden und Organisationen mit Sicherheitsaufgaben, da man sich innerhalb der zuständigen Behörden und beteiligten Organisationen auf seinen Lorbeeren ausruht mit der Aussage „Es ist doch alles eindeutig geregelt“. Das war 2017 so, aber seitdem hat sich in der vergangenen Zeit nicht nur regulatorisch in der EU viel getan, sondern auch technisch. Um mit der technischen Drone-Evolution Schritt zu halten werden Standards benötigt, um klar zu definieren, welche Technik für welchen Einsatzzweck benötigt wird. Als Beispiel stände eine festgelegte Kaskadierung der Drohnenklassen der DV 2020/1058, um sicher zu stellen, dass auch nur geeignete Drohnen in den jeweiligen Einsatzszenarien eingesetzt werden. Denn auch im Bereich der Drohnen und ihrer Detektionsmöglichkeiten gibt es wie auf dem Fahrzeug- und Ausrüstungssektor, keine „eierlegende Wollmilchsau“.

Erste innovative und zukunftsweisende Standardisierungsversuche seit Anpassung der Luftverkehrs-Ordnung im Jahre 2017 wurden entweder bereits im Keim erstickt, oder durch Erweiterung der Arbeitskreise und breite Beteiligung unterschiedlichster Behörden und Verbände erheblich verlangsamt oder gar zum Stillstand gebracht. Es erinnert oftmals sehr an die Posse um den NSU Ro 80, dessen Form, Antrieb und Technik belächelt und bemängelt wurde. Viele Jahre und viele Millionen Deutsche Mark an Entwicklungs- und Fördergeldern später kamen Volkswagen und Ford mit Fahrzeugen auf den Markt, die dem verpönten NSU Ro 80 gleich kamen. Ob sich Gleiches auf dem Drohnensektor der BOS ereignen wird, muss sich zeigen, denn erste Ansätze von Stagnation sind durchaus erkennbar. Ein Zitat von Roman Herzog (Ehemaliger Bundespräsident der Bundesrepublik Deutschland und Jurist, … 2017): „Auf eine Erfindung in Deutschland kommen 100 Fachleute, die davor warnen. Wenn wir immer auf sie gehört hätten, säßen wir immer noch hungrig in einer dunklen Höhle.“

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